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Stephan Serin: Föhn mich nicht zu.

in Buch-, Radio- und Fernsehtipps 11.10.2010 18:30
von AndyOSW • 631 Beiträge | 631 Punkte

Wegen Kolumbus Amerika

Überrascht erlebt ein junger Lehrer Berliner Schulen als sprachliche Notstandsgebiete. In "Föhn mich nicht zu" erzählt Stephan Serin amüsante Begebenheiten aus den Niederungen deutscher Klassenzimmer.


Leseprobe:

Ich kam an die Werner-Heisenberg-Schule in der Brunnenstraße im Stadtbezirk Berlin-Mitte. Als ich dort mein Referendariat aufnahm, schockte mich neben dem Mangel an Disziplin auch die fehlende Sprachkompetenz m,einer Schüler. Ich hatte mich nie selbst für besonders sprachbegabt gehalten, aber im Klassenraum wurde ich mit meinen fehlerfreien Hauptsätzen zu einem lexikalischen und syntaktischen Genie. Wenn ich hingegen den Schülern in der Pause beim Sprechen zuhörte, dröhnten mir sofort die Ohren:

"Musstu Alexa, ja?"

"Isch Alexa, wallah."

"Ischauch."

"Hast du U-Bahn?"

"Hab Bus!"

"Binich auch Bus."

"Weißdu gestern?"

"Nee, weiß nisch."

"Musstu wissen gestern."

"Isch?"

"Musstu wissen."

"Was?"

"Gestern. Isch bin U-Bahn. Isch kein Fahrschein. Isch gefickt von Kontrolleur."

"Escht? Tschüüsch! Musstu schlagen, Kontrolleur."

"Nee, nisch schlagen. Kontrolleur Frau."

"Echt schwul, die Muschi!"

In der ersten Zeit stellte ich mir oft die Frage, welche Gespräche man als Lehrer hörte, wenn man nicht wie ich auf dem Gymnasium unterrichtete. Vielleicht ließen die Schüler an Haupt- und Realschulen Verben und Personalpronomen gänzlich weg und gebrauchten nur noch Nomen.

Der Pausenjargon der Jugendlichen war das eine, aber in den Stunden machte ich keine anderen Erfahrungen. Mir bereitete die Sprache der Schüler fast körperliche Schmerzen, denn ich war von meinen Eltern früh dazu erzogen worden, auf meine Ausdrucksweise zu achten. Bereits als Erstklässler musste ich vor ihnen jeden Samstag einen Kurzvortrag zu einem Thema halten, das ich erst zwei Tage zuvor erfuhr, oftmals zu Gegenständen, anhand derer sich die Überlegenheit des Kommunismus nachweisen und der Untergang des Kapitalismus prophezeien ließ. Und schon zu Kindergartenzeiten wurde ich gemaßregelt, sobald ich mich schlampig ausdrückte. Fragte ich am Abendbrottisch: "Kann ich mal bitte Milch?", statt vorschriftsmäßig: "Kann ich mal bitte die Milch haben?", so schlug mir mein Vater zur Strafe mit der Gabel auf die Finger. Man mag das für grausam halten, aber in der DDR der achtziger Jahre waren solche Züchtigungen an der Tagesordnung. Nur so war es möglich, dass im friedliebenden Teil Deutschlands bis zum bitteren Ende auf höchstem Niveau Konversation betrieben wurde - während auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs die deutsche Sprache bereits in tiefer Agonie lag. DDR-Bürgern wäre es beispielsweise nie eingefallen, elliptische Satzstrukturen zu gebrauchen. Selbst für die Bekanntgabe einer Telefonnummer arbeiteten wir mit Para- und Hypotaxe: "Zuerst hebst du den Hörer ab. Im Anschluss daran steckst du den Zeigefinger in das Loch mit der Nummer 4 der Fingerlochscheibe. Durch eine anschließende Rechtsdrehung bis zum Fingeranschlag spannst du die Rückdrehfeder bis zum Anschlag. Nachdem dies erfolgt ist, verlässt der Finger das Loch, sodass die Fingerlochscheibe linksdrehend durch die Rückdrehfeder wieder in ihre Ausgangslage gebracht wird. Nun, ohne den Hörer wieder aufzulegen, steckst du deinen Zeigefinger erneut in das Loch mit der Ziffer 4. Durch eine weitere Rechtsdrehung wiederum bis zum Anschlag..."

Für den Austausch von Telefonnummern musste man viel Zeit einplanen. Darum verzichteten in der DDR die meisten auf dieses Medium. Es entsprach einfach nicht unseren praktischen Kommunikationsbedürfnissen. Lieber fuhr man kurz von Berlin nach Dresden. Das ging schneller.

Verständlicherweise irritierte mich die nachlässige bis fehlerhafte Ausdrucksweise der Menschen aus den alten Bundesländern noch lange nach dem Mauerfall. Zehn Jahre sprachlicher DDR-Sozialisation konnte und wollte ich einfach nicht so abschütteln. So war mir all meinen Freundinnen aus dem Westen auch immer unangenehm aufgefallen, dass sie beim Sex bestenfalls einzelne Worte stöhnten. Oft hatte ich unser Liebesspiel deshalb unterbrechen müsse und sie gebeten, das Stöhnen zwar zu wiederholen - und zwar im ganzen Satz. Daran war manche Beziehung gescheitert. Bei meinen Schülern musste ich noch häufiger intervenieren. Eigentlich konnte ich am Werner-Heisenberg-Gymnasium keine Äußerung einfach so stehen lassen. Das führte regelmäßig zu ausgedehnten Lehrer-Schüler-Pingpongs:

"Cemal! Erläutere mir bitte, wie der Humanismus dazu beitrug, dass die Europäer damals unbekannte Regionen und Kontinente entdeckten."

"Kolumbus."

"Cemal, bitte antworte im ganzen Satz!"

"Wegen Kolumbus."

"Das ist noch kein ganzer Satz, Cemal."

"Doch!"

"Nein, da liegst du falsch."

Über diese Streitfrage in der Klasse abzustimmen, hätte Cemal zu einem Kantersieg verholfen, weshalb ich auf solche plebiszitären Elemente verzichtete und lieber fortfuhr, ihn zu triezen. "Welches Element gehört denn in einen Satz?"

"Weisnisch!"

"Jeder Satz braucht ein Verb. Ein Tuwort. Also: Was tat Kolumbus?"

"Amerika!"

"Das ist kein Verb, aber sicherlich auch eine Information, die in den Satz gehört. Also ich fasse mal zusammen: Wegen Kolumbus Amerika. Nun zum Verb: Was hat Kolumbus denn getan, um nach Amerika zu gelangen?"

"Mit Schiff."

"Okay, halten wir fest: Wegen Kolumbus Amerika mit Schiff. Was hat er mit dem Schiff gemacht, um nach Amerika zu gelangen?"

"Gefahren!"

"Also: Wegen Kolumbus Amerika mit Schiff gefahren. Ist es das, was du sagen wolltest?"

"Ja."

"Dann wiederhole bitte: Der Humanismus trug zur Entdeckung unbekannter Regionen und Kontinente bei, weil Kolumbus mit dem Schiff nach Amerika gesegelt ist."

"Der Humanismus trug zur Entdeckung bei von Regionen äh ..., weil Kolumbus nach Amerika gesegelt ist, äh ... also mit 'nem Schiff."

"Sprachlich ist das jetzt soweit in Ordnung, inhaltlich aber trotzdem falsch. Leider ist die Stunde nun zu Ende. Überlegt euch bitte bis zum nächsten Mal, wie die Antwort richtig hätte lauten müssen!"

Dieses Beispiel gehört noch zu den Erfolgserlebnissen. Normalerweise wurde ich gar nicht verstanden, zumal wenn ich die Operatoren - also die Verben mit Aufforderungscharakter - verwendete, die uns unsere Ausbilder aufnötigten.

"Ermittelt bitte aus dem Text, was die Ursachen für den Aufstieg der NSDAP waren."

"Wasis ermitteln?"

Das heißt so viel wie rausholen. Informationen aus dem Text rausholen."

"Escht krass! Wieisch Informationen aus Text holen. Habisch Schere? ... Nee."

Oder: "Beurteilt bitte, ob Hitler die Macht ergriffen hat oder übertragen bekam."

"Wasis beurteilen?"

"Zu einer Frage eine begründete Meinung formulieren."

"Ischhasse Hitler."

Mein Unterricht war ein täglicher Kampf um das Einhalten sprachlicher Mindeststandards. Stofflich kam ich kaum voran. Wenn ich die Schüler im Französischunterricht aufforderte, einen dreihundert Wörter umfassenden Text zu lesen und alle Adjektive zu unterstreichen, die Gefühle ausdrücken, scheiterte ich daran, dass die Schüler nicht mal im Deutschen wussten, was eigentlich Adjektive waren und durch welche Begriffe Gefühle ausgedrückt werden konnten. So begnügte ich mich am Ende damit, dass die Schüler im Text einfach alle Wörter unterstrichen, aber für jedes eine andere Farbe benutzten.

Natürlich befriedigte mich das nicht. Das war nicht der Unterricht, den ich mir vorgestellt hatte. Der sprachliche Kontrast zu meiner eigenen Kindheit wurde mir jeden Tag umso drastischer in Erinnerung gerufen, als das Werner-Heisenberg-Gymnasium einer von den viergeschossigen Plattenbauten aus Stahlbeton war, in denen viele Ostberliner Schüler - auch ich - bis zur Wende unterrichtet worden waren. Nur hatte es eben mittlerweile zwei offenbar unrenovierte Jahrzehnte mehr in den Gliedern. Wie auch die zahlreichen Lehrer, die hier bereits vor dem Mauerfall tätig waren und die am sprachlichen Niedergang in ihrem Arbeitsumfeld ebenso hätten Anstoß nehmen müssen wie ich. Doch bei den gestandenen Kollegen stieß ich mit meinen Klagen auf taube Ohren. Niemanden schienen die Sprachprobleme der Schüler noch aufzuregen. Alle verschanzten sich hinter einem nach außen gekehrten Pragmatismus, der in Wirklichkeit Gleichgültigkeit kaschierte. Frau Willing, eine unserer Deutschlehrerinnen, meinte: "Man darf von einem Schüler der Oberstufe nicht zu viel verlangen. Man muss sich auf die heutigen Jugendlichen einstellen. Meine Klausuren bestehen daher einzig aus Ankreuzaufgaben. In ganzen Sätzen schreiben zu lernen, dafür gibt es schließlich die Uni."

Andere verlangten von ihren Schülern nicht einmal mehr Deutsch zu sprechen, solange sie überhaupt irgendeine Sprache benutzten - auch wenn sie als Lehrer diese gar nicht verstanden. Es musste nur ein Schüler der Klasse mit derselben Muttersprache bezeugen, dass die Äußerung richtig war. Meiner Fassungslosigkeit begegnete keiner der Kollegen mit Verständnis: " Seien Sie doch froh, dass die Schüler überhaupt antworten. An anderen Schulen würde man sSie abstechen, wenn Sie die ansprechen. Außerdem hat es einen Vorteil, wenn die Schüler kaum Deutsch beherrschen. Wollen Sie mit Kollegen über die herziehen, müssen Sie das nicht heimlich tun. Verwenden Sie einfach Nebensätze. Und schon wird Sie keiner der Schüler verstehen."

Auch wenn mich dieses Desinteresse am sprachlichen Unvermögen der Jugendlichen anfangs sehr empörte, wurde mangels Erfolg selbst bei mir der Widerstand dagegen mit der Zeit schwächer, denn mein Aufbäumen war ein einsamer und vergeblicher Kampf gegen Windmühlenräder. Irgendwann fand ich mich ebenfalls damit ab, dass sich die Schüler schlechter ausdrückten, als sie sollten, indem ich mir einredete, sie würden sich einfach anders ausdrücken. Und folglich gab auch ich mich schließlich mit Ein-Wort-Antworten zufrieden. Bezeichnete ein Schüler im Unterricht Wilhelm II. als Vollhoden, dann deutete ich das großzügig dahingehend, dass er die kriegstreiberische Rolle des letzten deutschen Kaisers sehr wohl begriffen hatte. Immerhin ermöglichte mir diese neue Aufgeschlossenheit meinerseits, einige jugendsprachliche Begriffe kennenzulernen, die mir mit meiner ursprünglichen Haltung wohl entgangen wären.

Angesagte Musiker wurden als endgeil, porno, tight oder mörder bezeichnet, Stars, die out waren, als voll assig. Einen Schüler, der sich am unteren Ende der Klassenhierarchie befand, sah man als Opfa oder als Toy. Lehrer waren schizo oder wurden wegen ihres Alters Kadaver genannt, in einer größeren Ansammlung als Krampfadergeschwader. Der immer elegant gekleidete und mit spitzen Lippen und distinguiert schrägem Kopf durch die dreckigen Flure eilende Herr Menz war wegen seiner Homosexualität voll gaylord. Ich wurde aufgrund meiner Größe abwechselnd als Bonsai oder Nabelküsser tituliert. Herr Rauer, der zu viel redete, föhnte die Schüler zu. Die magenkranke und auch sonst überall leidende Frau Flach hatte Mundgulli und Gesäßhusten, also einen schlechten Atem und Blähungen. Für Menschen mit Pickeln wurden alternativ die Bezeichnungen Akne-X und Clearasil-Testgelände benutzt.

Natürlich bemühte ich mich darum, mir diese Begriffe nicht zu eigen zu machen, mich weiterhin korrekt und in ganzen Sätzen zu artikulieren. Dennoch hinterließ die Sprache meiner Berlin-Mitte-Schüler bei mir Spuren. Das merkte ich erst, als ich nach dem Referendariat für eine kurze Zeit eine Stelle als Vertretungslehrer im Kant-Gymnasium in Zehlendorf annahm. Die sehr aufmerksamen und früh geförderten Arzt-, Psychologen- und Anwaltskinder im Französischunterricht waren ziemlich verwundert, als ich sie in der ersten Stunde darum bat, im zu lesenden Text alle Wörter mit unterschiedlichen Farben zu markieren und ihnen anbot, beim Sprechen und Schreiben einfach Verben und Artikel wegzulassen, weil die Sprache dadurch einfacher würde. In meinem Grundkurs Politik kam es sogar zum Eklat, weil ich eine Schüleräußerung nicht entsprechend würdigte:

"Einleitend bitte ich Sie, mir zu sagen, was Ihnen spontan zum politischen System der BRD einfällt ... Ja, Hannes!"

"Deutschland ist eine parlamentarische Demokratie und ein Bundesstaat. Manche sprechen auch von einem Parteienstaat wegen der zentralen Bedeutung des Parteienwesens für den Prozess der Meinungs- und Willensbildung. Wahlen werden überwiegend als personalisierte Verhältniswahlen durchgeführt. Zentrale Aufgaben der politischen Institutionen werden durch das Grundgesetz geregelt, zum Beispiel die Rolle von Parlament und Regierung."

Ich kommentierte seinen Beitrag in einer Weise, wie es mir noch nie passiert war. Es rutschte einfach so heraus: "Is ja gut! Nun föhn mich mal nicht zu! Die Message ist anjekommen, du Schnellchecker! Andre wollen auch noch was sagen."

Einen Tag später standen seine Eltern auf der Matte. Hannes war aber auch echt empfindlich. Der sollte froh sein, dass er in Zehlendorf zur Schule ging. In Mitte wäre er mit seinem langen Monolog von seinen Mitschülern abgestochen worden. Das habe ich auch den Eltern erklärt. Sie haben wohl nur deshalb nichts gegen mich unternommen, weil meine Zeit an der Schule sowieso nach einem Monat beendet war...

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Stephan Serin: Föhn mich nicht zu.
Reinbeck: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2010. 256 Seiten, 9,95 €

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